• Kevin Drewes

Ralph Siegels „N‘ bisschen Frieden“ steckt voller Überraschungen - SO war die Weltpremiere!




Im Oktober 2021 verwirklichte Ralph Siegel seinen ganz großen Traum. Das Musical „Zeppelin“ war sein Meisterstreich, für den er sehr viel investierte. Es gab viele Widrigkeiten durch die Corona-Pandemie. Doch der legendäre Komponist hat es allen gezeigt. Und nun legt er nach. Während die Veranstaltungsbranche sich noch längst nicht erholt hat und der Ukraine-Konflikt die Welt erschüttert, sendet Ralph Siegel mit seinem neuen Musical „N‘ bisschen Frieden“ genau zur richtigen Zeit ein Zeichen. Ob auch dieser Mut belohnt wird?


Wir waren bei der Weltpremiere von „N‘ bisschen Frieden“ am 20. Oktober im Duisburger Theater am Marientor dabei. Erneut tummelten sich unter den Zuschauern etliche Stars aus Musik, Schauspiel und TV, die sich Ralph Siegels neuestes Werk nicht entgehen lassen wollten. Im Ensemble waren dabei einige Künstler, die auch schon in „Zeppelin“ überzeugten. So darf Ralph Siegels Entdeckung, Mave O‘Rick, der mit seinem „Staubsauger-Song“ in „Zeppelin“ bereits Szenendieb Nummer 1 war, in gleich mehreren Rollen sein Können unter Beweis stellen. In der Premierenvorstellung erlebten die Zuschauer ihn früh im Stück als Klavierspieler, ehe er in der zweiten Hälfte als Polizist Erich Krause (Sohn von Walter Krause, dem Bösewicht der Geschichte) zum Finale eine tragende Rolle einnahm. Kommende Woche wird er sogar die junge von Version Walter Krause, dem zwielichtigen Mitarbeiter des DDR-Kulturbüros mimen – diese nahm am 20. Oktober der Musical-Newcomer Benjamin Heil ein, der stark aufspielte. Walter Krause ist es, der Sänger Richard Steiner und seiner Band das Leben schwer macht – nur weil der Frontmann singt, was er denkt und sich für den Frieden einsetzt. Das Problem: 1967 herrschte der Kalte Krieg, Deutschland war geteilt - und die Stasi agierte mit eiserner Hand.


Gespielt wird die Rolle des Richard Steiner dabei von Münchener Freiheit-Frontsänger Jörg-Tim Wilhelm, der schon in „Zeppelin“ als Graf zeigte, dass er mit seiner starken Stimme und der leidenschaftlichen Art auch die großen Musical-Bühnen mühelos bespielen kann. Dabei wirkt ihm gerade diese Rolle in „N‘ bisschen Frieden“ wie auf den Leib geschneidert, denn: Der Künstler nutzt seine Reichweite und die Auftritte mit der Band, um immer wieder starke Botschaften zu setzen – sei es für den Frieden oder das gemeinsame Miteinander. Hier hat Ralph Siegel die Idealbesetzung gefunden – eine Sternstunde des Musikers, so darf man die Leistung von Tim Wilhelm in Duisburg mit Fug und Recht bezeichnen.


Dabei kommt es in „N‘ bisschen Frieden“ zu einem Duett, das so wohl auch keiner erwartet hätte: Jörg-Tim Wilhelm und NDW-Ikone Markus Mörl singen im Duett! Der Star, der sonst die legendäre Neue Deutsche Welle aufleben lässt, begibt sich im Duisburger Theater am Marientor auf neues Terrain und mimt das „Richard Steiner Combo“-Bandmitglied Bernd Hinrichs. Dabei machte er seine Sache bei der Uraufführung gut und überrascht auch schauspielerisch – gerade zum packenden Finale hin. Ebenfalls im Ensemble ist seine Ehefrau Yvonne König, die erstmals in einem großen Musical dabei sein darf. In der Rolle der Jutta Bauer, Tochter von Elisabeth Jünger und zugleich als Mutter von Nina, spielt sie eine der wichtigsten Nebenrollen.


Während unter den Tänzern erneut Selina Kohl wie schon in „Zeppelin“ eine großartige Leistung abliefert, ist das musikalische Ensemble so vielseitig wie beeindruckend. Während Jörg-Tim Wilhelm kraftvoll seine Qualitäten zeigt, ist es Dan Lucas als ältere Version von Richard Steiner, der mit seiner Klangfarbe und in Rod Stewart-Art auf Englisch glänzt. Die sanfte Stimme ist Jennifer Siemann als Nina Bauer – sie erhält einen der wohl größten Gänsehaut-Momente des Abends zum Finale. Akustisch an der Gitarre beginnend stimmt sie ihre Version von „Ein bisschen Frieden“ an – Erinnerungen an Nicole beim legendären ESC-Sieg werden unweigerlich wach. Ganz großes Kino! Und auch Stefanie Black als Ms Jenny Jones erhält ihren Moment. Die Sängerin mit der starken Stimme hat gewiss nicht nur uns überrascht! Und auch Madeleine Haipt, die die junge Hippe-Elisabeth verkörpert, überzeugte bereits schon in "Zeppelin" in der Rolle der Isabella - jetzt darf sie mit ihrer inbrünstig vorgetragenen Ballade "Für die Seele" erneut das Publikum begeistern.


Während wir in unserer ausführlichen Kritik uns sehr auf das Ensemble fokussieren und von der Geschichte nicht zu viel verraten wollen (die vorbildlich gestaltete Webseite zum Musical nennt alle wichtigen Handlungsdetails), ist jetzt noch eine Frage offen: Wer ist in „N‘ bisschen Frieden“ der Szenendieb? An der Reaktion des Publikums können wir diesen Preis ganz sicher an Henriette Schreiner verleihen. Mit ihrer Darbietung von „For you“ im herrlich sächsischen Dialekt sorgt sie für den Lacher des Abends. Chapeu, Henriette!


Keine Frage, „N‘ bisschen Frieden“ weiß zu überzeugen, auch wenn die erste Hälfte ein paar kleine Längen hat und das Bühnenbild eher spartanisch ausfällt – was sicherlich auch der sehr kurzen Vorbereitungszeit geschuldet sein dürfte. Für das Stück wurden viele große Kompositionen Ralph Siegels integriert, die die breite Masse vielleicht nicht direkt mit ihm verbinden dürfte – doch die Auswahl ist hervorragend getroffen, das gesamte Ensemble liefert ab und setzt die Musical-Versionen klasse um. Sehr präsent fällt dabei der immer wieder angesungene Hit „Ein bisschen Frieden“ aus, mit dem sich Ralph Siegel unsterblich macht. Das gerade dieser Song so präsent ist, passt in vielerlei Hinsicht und liegt auch über dem Stück wie ein positiver Schatten. Denn jeder sehnt sich nach ‚N‘ bisschen Frieden“ – sei es Elisabeth Jünger, die mit der Vergangenheit abschließen möchte, Nina Bauer, die ihren Traum leben will oder der Zuschauer, der sich gerade in Zeiten eines Konfliktes mitten in Europa über Ablenkung freut. Und genau diese Ablenkung schafft „N‘ bisschen Frieden“.


Auf der Premierenfeier betont Jörg-Tim Wilhelm im Interview vorrangig das Teamwork, besonders den herausragenden Einsatz der eher im Hintergrund Aktiven – allen voran Regisseur Benjamin Sahler und Choreografin Stefanie Gröning, die in Rekordzeit das Stück auf die Bühne gebracht haben, und das Tonstudio-Team um den Meister Ralph Siegel persönlich. Wir hoffen, dass dies honoriert wird und dass das Stück geschätzt und angenommen wird – verdient hat es dieses großartige Team allemal.


Noch bis zum 31. Dezember 2022 soll "N' bisschen Frieden" im Duisburger Theater am Marientor laufen. Tickets und weitere Infos gibt es hier: https://www.n-bisschen-frieden.de/